15. Stock, Sonntags
Ich liebe den Sonntag ganz besonders. Es ist der Tag an dem nichts passiert, außer vielleicht unangemeldeter Besuch, vorzugsweise den der Verwandtschaft, oder sonstiger denen es gerade langweilig ist. Da die meisten aber den alten Bayern, in seiner gewohnt charmanten und zurückhaltenden Art, gut genug kennen, ist diese Gefahr nicht all zu groß. Das hat aber auch ein gutes Stück Arbeit gekostet!
Es ist also Sonntag. Wie gewohnt bin ich der erste der aufsteht. Kaffeemaschine anwerfen und erst einmal der Versuch einigermaßen wach zu werden. Feststellen ob man die Nacht tatsächlich überlebt hat. Nach der zweiten Zigarette bin ich mir dann doch einigermaßen sicher dass dem so ist.
Es ist saukalt geworden. Quasi über Nacht hat sich der Herbst eingeschlichen. Die beste Sub der Welt hat in weiser Voraussicht die dicken Wollsocken für mich bereit gelegt. Ab einem gewissen Alter haben nicht nur die Weiber kalte Füß'. Mein Grummeln wegen der Socken gehört ab jetzt bis zum nächsten Frühjahr zum Morgenritual. Riten verpflichten halt. Wie auch den ersten Kaffee auf dem Balkon. Toll! Die Hände heiß, aber die Eier kurz vor dem Gefrierbrand! Ich weigere mich heroisch mehr anzuziehen als mein Hausmantel- gut, mal abgesehen von den Wollsocken.
Nebel. Dicker, fetter Nebel rings herum. Das mag ich wiederum, wenn er nur nicht so feucht wäre. Noch eine Stunde, dann steht die beste Sub der Welt auf und macht das Frühstück. Zwei Semmeln, für die Norddeutschen Schrippen, (schreibt man das so?), zwei Croissants und zwei Eier- weiche, heiß und die vom Huhn! Ich freue mich jedes Mal aufs Neue darauf.
Während ich also noch an meinem Kaffee nippe, wird das Fenster bei meinen neuen Nachbarn geschlossen. Ah! Auch Frühaufsteher!
Unbewusst stellen sich meine Lauscher auf Empfang. Deren Wohnung muss noch immer halb leer sein, es hallt noch immer. Ihre Stimme ist nicht zu überhören. Wie in aller Welt kann man, noch mitten in der Nacht, von jetzt auf gleich, verbal gleich so Vollgas geben? Ich erspare mir das und ziehe mich zurück. Fernseher bleibt aus. Ich überleg ob ich den Tisch schon mal Decken sollte, lass es aber dann doch lieber. Die beste Sub der Welt könnte das eventuell falsch auffassen und beleidigt sein. Das will ich unter keinen Umständen riskieren! Schließlich geht es auch um Rituale.
Im Bad habe ich vorhin schon gesehen was ich heute erwarten kann, darf. Die schönen schwarzen Nylons mit Naht und Sandaletten liegen schon bereit. Die Eier werden auch langsam wieder warm, anderes als die Füße. Zweiter Kaffee.
Es ist soweit. Die beste Sub der Welt kommt aus dem Bad. Morgenritual der Begrüßung, dann Frühstück vorbereiten. Heißer Anblick! Die kalten Füße sind komplett vergessen! Ich erlaube ihr etwas überzuziehen, denn man sieht ihr allzu deutlich an dass es ihr kalt ist. Schade eigentlich, aber ich bin ja immer wohlwollend.
Etwas später lehne ich mich entspannt zurück. Die Balkontür ist natürlich wieder offen, denn es ist mir warm. Von rechts dringen eindeutige Geräusche in mein Wohnzimmer. Pfff. Schnell schlüpfe ich in Hose und Hemd. Die Wollsocken bleiben an.
Ich klingle beim Nachbarn. Was die Tun höre ich ganz deutlich. Nach meinem zweiten Klingeln, öffnet mir überraschenderweise Frau Nachbarin die Türe. Blonde, ziemlich verwuselte Haare, dazu ein pinker Bademantel. Ihr Gesichtsausdruck liegt so zwischen verwirrt und verärgert. "Guten Tag, ich bin ihr Nachbar. Ich hoffe ich störe jetzt nicht, aber hätten Sie vielleicht bis morgen leihweise zwei Eier für mich?"
Mein unschuldiger Gesichtsausdruck ist das Ergebnis jahrelanger Gastronomieerfahrung. Sie sieht mich total entgeistert an, murmelt etwas und verschwindet in die Wohnung. Aus dem Zimmer ertönt eine unwirsche Stimme in einer Sprache die ich nicht verstehe. Auf alle Fälle kein bayrisch. Es rummst einmal, ch vermute die Kühlschranktür, dann streckt mir ihre Hand zwei Eier entgegen. Ich versichere lächelnd diese morgen zurück zu geben und bedanke mich. Zu mehr Konversation komme ich leider nicht, denn die Türe schließt sich sofort wieder. Pff. Wie kann man nur so ungesellig sein!
Ganz dezent ihren Kopf schüttelnd, nimmt mir die beste Sub der Welt die Eier ab. Ich werde ihr noch sagen wann genau sie diese zurückbringen darf. Genaues Timing war schon immer wichtig für mich! Ha! Es geht doch nichts über einen perfekten Sonntag!
Jetzt nur noch das Telefon und die Türklingel abstellen...
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