Küchenszene

 Sie wusste nicht, was es dieses Mal ausgelöst hatte. Vielleicht ein leicht gereizter Unterton ihrerseits ? Vielleicht hatte sie zu abwesend geantwortet? Übersehen, dass seine Kaffeetasse leer war ? Oder war es einfach nur ihr Anblick gewesen? Einfach nur seine Stimmung?

 Unberechenbar wie eine Raubkatze, ja das war er. Oh, natürlich versuchte sie ab und zu, ihn irgendwie einzuschätzen. Natürlich gab es absolute Garanten für Terror, aber das wollte sie doch gar nicht. Diese beliebten kleinen Spielchen konnten bei ihm zu nicht wünschenswerten, extremen Ergebnissen führen; das Spektrum reichte hierbei von Eiseskälte über Desinteresse, Abwenden bis hin zu Tobsucht und schlimmstenfalls der Frage, ob sie z.B. Spielchen spielen wolle? Dann bitte mit einem anderen.

 Reizbar und ungeduldig konnte er sein; einmal kam ihr das Bild einer aggressiven, zum äußersten gereizten Kobra in den Sinn. Man musste schon ausgesprochen masochistisch und todesmutig sein, so jemanden noch willentlich zu reizen. Nun, nolens volens passierte es ihr dennoch gelegentlich.

 Vielleicht war es ja so ein Moment gewesen, wer weiß das schon. Den Fehler, im Affekt zu fragen -Was habe ich getan? - den machte sie nur noch selten. Denn das konnte ihn besonders reizen er musste sich doch wohl nicht rechtfertigen, wenn er ihr gern wehtun wollte?! Nein, natürlich nicht ...

 Nein, dieses Mal hatte sie ihn gar nicht wahrgenommen, als er hinter ihr vorbeiging; zurückkehrend an seinen Platz am Tisch, ihr gegenüber. Kein Geräusch, keine Bewegung. Scharfschützenmanier.

 Etwas griff grob in ihre langen Haare und riss sie damit blitzschnell vom Stuhl. So musste es wohl gewesen sein, begriff etwas in ihr, als sie schmerzhaft und mit seltsam verdrehten Gliedmaßen auf dem harten Fliesenboden aufschlug und einen überraschten Schmerzlaut von sich gab.

 Fragte sie ein -warum ? oder formte es sich nur in ihrem Kopf?

 Quasi als Antwort riss er ihren Kopf zu sich herum; ihr Haar hatte er ja nicht losgelassen; sicher irgendwo auch sehr dankenswert, denn sonst wäre sie wohl ungebremst auf ihr Gesicht gefallen.

 -Sieh mich an!- die Stimme fordernd, kehlig.

 Ihr Gesicht war ihm zugewendet, aber ihre Augen wollten ihr -wie so oft- nicht gehorchen; wollten den seinen entgehen, sich nicht aufspießen, durchschauen, versenken lassen.

 Ihre Augen waren ihre Abstandshalter. Die Knautschzone. Das Schmerzmittel.
 Nicht hinsehen war ein Teil des -nicht akzeptieren Müssens-, bedeutete sich -nicht-einlassen-müssen, versprach den Schmerz ein wenig abspalten zu können. Sie hatten nie darüber gesprochen, aber natürlich wusste er es.

 Ein weiterer schmerzhafter Ruck an ihren Haaren und sie bekam ihre Augen unter Kontrolle und schaute ihn verunsichert an. Er lächelte. -Sag, hat es Dir gefallen?, fragte er belustigt, als er sie an ihren Haaren wieder auf ihren Stuhl zerrte, während sie sich vergeblich und keuchend mühte, die Beine wieder unter ihren Schwerpunkt zu bekommen um diesen verdammten Schmerz einzudämmen.

 Eine Sekunde zu lang sah sie ihn ängstlich an, aber er überließ ihn ihr gnädig, diesen Moment des Zögerns, ehe sie ein raues -Ja, Danke flüsterte.

 Er grinste breit. -Bin ich nicht ein wirklich netter Mann? Sag, dass ich ein netter Mann bin, forderte er dreckig lachend. Noch etwas schmerzgeplagt lächelte sie, als sie, mit leicht kratziger Stimme aber im Brustton der Überzeugung sagte: -Ja, Du bist wirklich ein sehr netter Mann. Dafür liebe ich Dich.

 Die Finger lösten sich aus ihren Haaren; wirkten einen Moment fast zärtlich dabei. Er setzte sich hin und wendete sich wieder seiner Zeitung zu.

 Sie stand auf etwas wackeligen Beinen auf, nahm seine Kaffeetasse und goss ihm frischen Kaffee ein. Den konnte er nun gewiss brauchen.

 Vielleicht würde sie es ein paar Momente später wagen, sich selbst auch einen Kaffee und eine Zigarette zu nehmen und sich neben seinen Stuhl auf den Boden zu knien. Den Kopf an seine Beine zu lehnen und Ruhe einströmen zu lassen. Vielleicht.

(© Frosch) {Frosch, melde Dich doch mal wieder}